Erinnerungsort

AStA-Projekt Erinnerungs- und Lernort „Alter Schlachthof“

Der Erinnerungsort „Alter Schlachthof“ auf dem neuen Campus der Hochschule konnte am 18. Februar 2016 eröffnet werden. Übergeben wurde nicht ein „fertiger“ Erinnerungsort, sondern die Grundlage für ein Projekt, das sich ständig fortentwickeln soll. Bis hierhin aber war es ein langer Weg. Bei der Planung des neuen HSD-Campus in Derendorf auf dem Gelände des ehemaligen Vieh- und Schlachthofes und der einstigen Schlösser Brauerei unter den Tisch zu fallen drohte zeitweise die Geschichte dieses Geländes, insbesondere die der Großviehhalle. Während der Zeit des Nationalsozialismus mussten sich an diesem Ort Juden und Jüdinnen aus dem Regierungsbezirk Düsseldorf einfinden, um anschließend deportiert zu werden.

Düsseldorf – Litzmannstadt

Ab Herbst 1941 begann die Geheime Staatspolizeileitstelle Düsseldorf mit der Organisation der Deportation der Jüdinnen und Juden des Gestapo-Bezirks Düsseldorf. Beteiligt daran waren auch andere Dienststellen, wie die Schutzpolizei und die Finanzbehörden. Der städtische Vieh- und Schlachthof wurde aufgrund seiner infrastrukturellen Lage und der räumlichen Kapazität als Sammelstelle bestimmt. Hier mussten sich ab Oktober 1941 jüdische Männer, Frauen und Kinder aus dem Regierungsbezirk Düsseldorf am Vorabend ihrer Deportation einfinden. Sie wurden registriert und einer Leibesvisitation unterzogen, dabei kam es zu Diebstählen und Misshandlungen durch die ausführenden Beamten. Am Morgen des 27. Oktober 1941 musste eine Gruppe von 1.007 Menschen über die Verladerampe des nahegelegenen Güterbahnhof Derendorf einen Zug aus Reichsbahnwagen 3. Klasse besteigen. Ziel dieses ersten Transports war das Ghetto Litzmannstadt (Łódz). Bis Januar 1945 erfolgten 16 größere und kleinere „Transporte“. Insgesamt wurden wahrscheinlich bis zu 8.000 Jüdinnen und Juden in die Ghettos nach Litzmannstadt, Riga, Minsk, Izbica und Theresienstadt verschleppt, um später in einem der „Vernichtungslager“, beispielsweise in Auschwitz oder Kulmhof, ermordet zu werden. Geschätzt 200 überlebten ihre Deportation. Nur eine unscheinbare Gedenktafel an der Außenmauer des Schlachthofs an der Rather Straße erinnerte in den letzten Jahrzehnten an das Geschehene. Diese Gedenktafel wurde 2017 im Zugangsbereich zum Campus an der Münsterstraße neu angebracht.

Erste Schritte

Der AStA der heutigen HSD machte bereits früh auf die seit langer Zeit bekannten historischen Hintergründe aufmerksam, traf aber anfänglich nur auf wenig Interesse. In einigen Bauentwürfen tauchte der genannte Aspekt überhaupt nicht auf. In dem denkmalgeschützten Schlachthofgebäude sahen einzelne Entwürfe sogar eine Mensa vor. Die dann letztendlich dort beschlossene Bibliothek war ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Lediglich eine Informationstafel im Innenbereich war nach Auffassung des AStA völlig unzureichend. 2012 richtete der AStA eine Projektstelle für die Erinnerungsarbeit ein, im Juni 2013 ernannte die Hochschulleitung Dr. Joachim Schröder zum Präsidiumsbeauftragten für den geplanten Erinnerungsort ein. Von nun an kam mehr Bewegung in die Planungen.

Ein Projekt nimmt Gestalt an

Nachdem zuerst erfolgreich für die historische Verantwortung und die Notwendigkeit eines Erinnerungsortes vermittelt werden konnte, ist auch der zweite wichtige Schritt getan. Die zur Realisierung dieses Projekts benötigte Summe von etwa 425.000 Euro ist beinahe vollständig eingeworben worden. Unter anderem hat der Rat der Stadt Düsseldorf am 13. Februar 2014 einstimmig beschlossen, für das Projekt Mittel in einem Umfang von bis zu 200.000 Euro zur Verfügung zu stellen. Bei der Planung und Umsetzung des Lern- und Erinnerungsortes haben fast alle Vorstellungen und Forderungen des AStA Eingang und Berücksichtigung gefunden. Wichtig hierbei war der intensive Austausch der Projektstellen untereinander. Es bestand Einigkeit in grundlegenden Fragen.

Es werden vier Räume an der Südfassade der HSD-Bibliothek genutzt: ein Foyer, die beiden Glaseinhausungen der Rampen links und rechts des Eingangsbereichs sowie ein Raum im Untergeschoss. Wichtig war und ist dem AStA, dass StudentInnen und Lehrende, Projekte mit Studierenden verschiedener Fachbereiche ihr (Fach-)wissen einbringen und sich an der Entstehung, Gestaltung und Fortentwicklung des Erinnerungs- und Lernortes beteiligen. Inhaltliche Recherchen und Materialsammlungen für die Ausstellung oder der Bau einer Datenbank für die Medienstation sind Beispiele dafür, dass das gelungen ist. Das Ausstellungskonzept wurde von einem Studenten im Rahmen seiner Bachelor-Thesis in Zusammenarbeit mit Professoren und einem gemeinsamen Seminar mit dem „Exhibition Design Institute“ der HSD, in dem erste Entwürfe erarbeitet wurden, erstellt. Dieses beinhaltet drei Teile:

1.) Das Außengelände mit einer Tafelausstellung zur Historie teilt sich chronologisch in zwei Abschnitte, bis 1945: „Der historische Ort: Infos über Schlachthof Ausgrenzung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung (1933-1941)“, und ab 1945 bis heute: „‘Das Erbe des Nationalsozialismus’: Überlebende und Täter nach 1945, die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit“.

2.) Ein Innenbereich mit einer Dauerausstellung, der zugleich auch Wechselausstellungsbereich ist. Dort bieten Portraits und Zitate von Deportierten, Ermordeten, Überlebenden und Tätern einen biographischen Zugang zum Thema.

3.) Im virtuellen Raum besteht die Möglichkeit, den begrenzten Raum des Erinnerungsortes zu erweitern. Über Medienstationen und Hörstationen im Untergeschoss können vertiefende Informationen zu Biografien, historische Hintergründe und Dokumentensammlungen abgerufen werden.

Von Mitarbeiter_innen des Forschungsschwerpunkts Rechtsextremismus wird zudem ein Bildungskonzept erarbeitet, dieses beinhaltet unter anderem die Entwicklung didaktisch-methodischer Materialien, Bildungsangebote und Projekte zu historischen und aktuellen Themen für Studierende, Jugendliche in Schule und Ausbildung und allgemein Interessierte. Aber auch die Qualifizierung von Studierenden aus allen Fachbereichen. Ein weiterer Baustein sollen (internationale) Begegnungen und Studienfahrten sein.

Fazit

Der AStA hat seinen Standpunkt immer deutlich gemacht: Die Erinnerung an die Verbrechen, die während der NS-Herrschaft verübt wurden, muss einen Impuls zur Auseinandersetzung mit der Geschichte geben und das Herstellen eines Gegenwartsbezuges ermöglichen. Wir möchten einen aktiven, soziokulturellen Erinnerungsraum schaffen, der Teil des Campus-Lebens und im Hochschulalltag sichtbar ist, keine selbstzweckhafte Gedenkstätte. Das ist bisher gut gelungen. Unsere konzeptionellen Ideen werden wir deshalb auch in Zukunft kontinuierlich in die Fortentwicklung einbringen. Zugleich möchten wir alle Studierende und Lehrende der HSD dazu anregen, sich an diesem Projekt zu beteiligen.

Internetauftritt Erinnerungsort mit der Ankündigungen von Veranstaltungen im WS 2017/2018:

http://www.erinnerungsort-duesseldorf.de

Alexander Stockhaus (Dipl.-Soz.Päd, Projektstelle Erinnerungs- und Lernort des AStA der HSD)

Quelle: Starthilfe – Erstsemester*innen-Info des AStA HS Düsseldorf, Ausgabe 2017, Erscheinungsdatum 4.10.2017.